Visionen, Hellseherei, Wahrsagerei

Viele Menschen glauben von sich, Visionen zu haben, Hellsehen zu können, Vorahnungen zu haben, Wahrsagen zu können, „Übersinnliche Wahrnehmung”, „Gott erfahren” zu haben. Woher kommt dies? Um es vorweg zu nehmen - es ist eine Täuschung, ein Phänomen der Funktionsweise unseres Gehirns, welches uns glauben macht, wir hätten solche Fähigkeiten.
(Version 1.2 © GNU Public License, Guido Stepken, August 2004)

Ganz offensichtlich hat niemand wirklich die Fähigkeit, Lottozahlen vorher zu sagen. Die Menschen, die behaupten, sie könnten die Zukunft vorhersagen, haben unzählige Ausreden, warum sie genau das zwar nicht können, aber ansonsten sehr wohl Vorahnungen hätten, die sich auch bewahrheitet haben. Mitunter führen sie sogar glaubhaft Zeugen an.

Das menschliche Gehirn, siehe auch Gerhard Roth: Aus der Sicht des Gehirns” vermag sehr komplexe Funktionen durchzuführen. Abgesehen von der Tatsache, daß wir Ultrakurzzeit - , Kurzzeit -, und Langzeitgedächtnis haben (ein Fakt, der zur Erklärung des Phänomens noch gebraucht wird), gibt es noch einen zweiten Fakt, der recht unbekannt ist:

Vor 20 Jahren veröffentlichte ein Neurowissenschaftler Benjamin Libet ein inzwischen klassisches Experiment zum bewußten Willen. Er ließ seine Testpersonen auf eine Uhr mit einem speziellen Sekundenzeiger, der alle 2.5 Sekunden einmal rund lief, schauen, und gab ihnen einen Knopf zum drücken in die Hand, mit dem dann die Reaktionszeiten gemessen werden sollten. Neu dabei war, daß er seine Testkandidaten bei jedem Versuch fragte, wann genau ein Ereignis „wahrgenommen” wurde. Sie sollten dann sie Stellung des Zeigers genau nennen, als sie den Knopf dann drückten.

Libet hat dann zusammen mit einem EEG die Hirnaktivität in einzelnen Bereichen des Hirns mit seinem Versuchsaufbau gekoppelt. Oben im Hirn gibt es eine Region, die aktiv ist, wenn Muskeln bewegt werden. Bei seinen Testkandidaten stimmten bei den EEG - Aufnahmen der Zeitpunkt der Registrierung der Hirnaktivität bis auf wenige Millisenkunden genau mit der Aktivität des Muskels, dem Daumen am Knopf, überein. Was viel weniger gut überein stimmte, war die Zeitverzögerung von Wille und Ausführung (Knopf drücken). Ausgehend von dem Willen, irgendwann einen Knopf zu drücken (Registrierung im EEG), bis zur tatsächlichen Ausführung (Knopf drücken), vergingen mitunter bis zu 1.5 Sekunden. Libet interpretierte dies als „mentale Vorbereitung”, die der Handlung offensichtlich voraus ging.

Das Verblüffende dabei war, daß die Testkandidaten jedesmal behaupteten, daß ausgehend vom ersten „bewußtwerden”, daß eine Bewegung ausgeführt werden soll, bis zum drücken des Knopfes, ca. 0.5 Sekunden vergingen. Den Sekundenzeiger, der den Zeitpunkt des „Bewußtwerdens” anzeigte, hatten die Testpersonen dauernd im Blick.

Die Vorbereitung des Gehirns, eine Bewegung auszuführen, begann also, anders gesagt, schon 0.5 Sekunden bevor die Testkandidaten glaubten, sie hätten eine Bewegung ausgeführt.

Libet machte ein weiteres Experiment, diesmal führte er eine Elektrode (bei vollem Bewußtsein, nicht schmerzhaft) in das Gehirn eines Testkandidaten ein, und zwar genau dort, wo laut EEG eine Aktivität festzustellen war, nach einer Handberührung.

Zwischen tatsächlicher Handberührung und Registrierung im EEG bei periodischen Vorgängen lagen immer nur wenige Millisekunden. Eine typische Reaktionszeit für Menschen auf körperliche Reize.

Und nun gab er einen kleinen elektrischen Impuls im Gehirn an derjenigen Stelle ab, die mit der Hand logisch gekoppelt war, und bat den Testkandidaten wieder, genau zu sagen, wann er die Handberührungen gespürt hatte (tatsächlich berührte er die Hand nicht, es war nur der Reiz im Gehirn, der diese Täuschung auslöste). Hierbei behauptete der Testkandidat steif und fest, Libet habe die Hand berührt, jedoch 0.5 Sekunden, bevor er tatsächlich den elektrischen Impuls im Gehirn absetzte.

Das klingt nach Vorahnungen oder Hellseherei. Wie konnte der Teilnehmer wissen, daß ein elektrischer Reiz im Hirn stattfinden würde, bevor er tatsächlich stattfand?

Libets Experimente wurden von ihm selber und weiteren, zahlreichen Forschern mit verschiedensten Teilnehmern wiederholt, alle mit demselben Ergebnis.

Das Gehirn hat offensichtlich die Eigenschaft zum „Rückdatieren” von Ereignissen.

Wenn man sich vorstellt, daß die Signallaufzeit zwischen Hand und Gehirn tatsächlich 0.5 Sekunden beträgt (das ist nicht tatsächlich so), so versucht offensichtlich das Gehirn die Vorstellung davon, wann eine Berührung stattgefunden habe, zurück zu verlegen, in der Zeit, damit der Eindruck der Gleichzeitigkeit wieder hergestellt ist.

Man muß hier unterscheiden zwischen dem „bewußten” Willen, der ca. 0.5 Sekunden vorher im Gehirn zu registieren ist, und der tatsächlichen Laufzeit der Signale, die nur wenige Millisekunden beträgt!

Der Testkandidat sollte ja nach dem Drücken des Knopfes sagen, wann er den Reiz gespürt hat, virtuell, durch elektrische Anregung der Hirnregion selber, oder durch tatsächliche Berührung. Die Wahrnehmung des Zeitpunktes und dem willentlichen Drücken des Knopfes ist ein bewußter Vorgang im Hirn.

In den Testkandidaten hineinversetzt, kann man das so beschreiben:

Er fühlt die Berührung der Hand, und das Gehirn registriert sofort, daß diese stattfindet, weil die Signallaufzeit vom der Hand ins Hirn sehr kurz ist, und erst, wenn es ihm bewußt geworden ist, dann drückt er den Knopf. Das EEG registriert die Berührung der Hand im Gehirn nach wenigen Millisekunden schon, jedoch gibt es eine Verzögerung von 0.5 Sekunden, die verstreichen, bis er den Knopf bewußt drückt, Reaktionszeit genannt.

Wird jedoch die korrespondierende Region im Hirn direkt angeregt, so wird diese Zeitverzögerung des Bewußtwerdens, daß die Hand (angeblich) berührt wurde, umgangen, und damit keine Verwirrung aufkommt, wird also die übliche Zeitverzögerung des Bewußtwerdens mit eingerechnet, sozusagen.

Das Gehirn muß also, damit die Gleichzeitigkeit vom Fühlen der Berührung, also dem Bewußtwerden und dem willentlichen Drücken des Knopfes, wieder hergestellt ist, das Ereignis in der Zeit zurückschieben, also gedanklich ca. 0.5 Sekunden rückdatieren.

Wir selber nehmen es im täglichen Leben kaum wahr, weil wir uns daran gewöhnt haben, es dauernd tun. Nicht umsonst wird die Reaktionszeit zwischen Wahrnehmung eines Ereignisses und dem Drücken des Bremspedals in der Fahrschule nicht unter 0.3 Sekunden angegeben, wie man selber auch mit einer Stoppuhr testen kann. Tatsächlich jedoch haben wir selber das Gefühl, viel schneller reagiert zu haben.

Besonders auffällig wird es, wenn man das Jonglieren gerade erst erlernt. Ich sehe, wo der Ball ist, und mein Wille bewegt die Hand genau dorthin, wo der Ball ist. Nur - leider ist er 0.3-0.5 Sekunden später wo ganz anders, und er fällt auf den Boden, wir greifen ins Leere. Typische Anfängerschwierigkeiten in der Motorik, würde man sagen - nein. Es ist die Zeitverzögerung von 0.5 Sekunden zwischen dem Sehen der Position des Balles in der Luft, und dem willentlichen Zugreifen an eine exakte Position (in der Luft). Der Ball ist dann schon wo ganz anders, nämlich wieder auf dem Boden gelandet. Wer's nicht glaubt, der gebe einer anderen Person, die nicht jonglieren kann, 3 Bälle in die Hand und beobachte, daß die Person anfangs nur ins Leere greift und dauernd alle Bälle am Boden liegen - zum schieflachen.
Mensch muß beim Jonglieren erst lernen, Bewegungen vorherzuahnen, und dann dorthin zu greifen, wo der Ball 0.5 Sekunden später sein wird, nachdem man seine Position bewußt wahrgenommen hat, was recht schwierig ist, weil man ja die ballistische Flugbahn genau abschätzen können muß.

Der Aufbau des Willens von der Wahrnehmung mit den Sinnen, bis hin zur bewußten Entscheidung und Ausführung einer kontrollierten Bewegung dauert also ca. 0.3-0.5 Sekunden.

Was hat Libets Experiment nun mit Vorahnungen zu tun ?

Das Gehirn denkt hochgradig parallel viele Dinge gleichzeitig, und zwar in den verschiedensten Hirnregionen (Ultrakurzzeit -, Kurzzeit, - Langzeit Gedächtnis). Angenommen, ich habe für einen Bruchteil einer Sekunde beim Busfahren die träumerische Vorstellung, meine Schwiegermutter in einem Sarg am Straßenrand gesehen zu haben, quasi eine Vision, zugegeben ein Klicheé. Dieses Bild wird jedoch nicht im Bewußtsein verarbeitet, sondern verbleibt unbewußt im Kurzzeitgehirn. Ich weiß im ersten Moment garnicht, daß ich so etwas gedacht habe, weil - das würde ja einen bewußten Denkvorgang erfordern. Tatsächlich schwirren und tausende Gedanken täglich durch den Kopf, die wir meist vergessen, wenn wir sie nicht aufschreiben.
Weiter angenommen, diese träumerische Vision habe im Kurzzeitgedächtnis stattgefunden, wo sie dann solange gespeichert bleibt, bis sie nach 3 Tagen gewöhnlich gelöscht wird, wenn diese Information nicht mehr gebraucht wird. (Das ist der Grund, warum Gedächtniskünstler nicht wahnsinnig werden)
Und nun tritt folgendes Ereignis ein. Die Schwiegermutter stirbt tatsächlich. In genau diesem Moment erinnere ich mich an das Bild der Schwiegermutter im Sarg, und bin fürchterlich erschrocken darüber, weil - solche Vorstellungen entspringen völlig natürlichen Grundängsten, die jeder so mit sich herum schleppt. Mir wird erst in diesem Augenblick bewußt, daß ich ja genau den Tod vorhergesehen habe, beim Busfahren, und die Schwiegermutter in einem Sarg am Straßenrand ja „real”, „wirklich”, „wahrhaftig” gesehen „habe”, angeblich.
Wäre sie nicht gestorben, so hätte mein Kurzzeitgedächtnis diese fixe Idee und das zugehörige Phantasiebild wieder gelöscht.
Da das Bild aber im Kurzzeitgedächnis gespeichert war, und die Schwiegermutter ja tatsächlich gestorben ist, bevor mein Kurzzeitgedächtnis es wieder gelöscht hat, wird mir nun die gespeicherte Phantasievorstellung schlagartig bewußt.

Und nun habe ich die Vorstellung, ich könne die Zukunft vorhersehen - ein Gedanke, der vielen Menschen, die solche Visionen hatten und noch haben, und mit denen ich mich darüber unterhalten habe, viel Angst bereitet hat.

Was vielen nicht bewußt ist, ist die Tatsache, daß das Ereignis, genauer das Bewußtsein darüber (ähnlich Libets Experiment) „rückdatiert” wird. Die Vision beim Busfahren war nämlich kein bewußter Denkvorgang, sondern nur ein kurzer Moment eines Gedankens, ein unwichtiges Phantasiebild, welches dann im Nachhinein als bewußte und tatsächliche Vorahnung, sprich Hellseherei” interpretiert wird. Diesem Phantasiebild wird also rückblickend eine ungeheure Bedeutung zugemessen, weil sich ja angeblich die Vision „bewahrheitet” hat.

Der Spruch „Nachher ist man immer schlauer!” kommt nicht von ungefähr, und er beschreibt im Grunde genau dieses Phänomen.

Hätte der Tod dann in den folgenden Tagen nicht stattgefunden, hätte das Gehirn diese Phantasievorstellung einfach wieder gelöscht. Wenn sie sich jedoch bewahrheitet, so brennt sich die Vorstellung davon, daß wir hellsehen können, dauerhaft in das Langzeitgedächtnis ein. Und wir laufen von nun an mit der Vorstellung durch die Welt, wir könnten hellsehen.
Wie kommen wir nun auf die Idee, wir hätten besondere, hellseherische Fähigkeiten? Nach einem solchen Ereignis mit der „Vorhersage” des Todes der Schiegermutter, z.B., passiert in der folgenden Zeit etwas typisches. Wir halten Ausschau nach solchen „Visionen”. Und hierbei passiert dann im Hirn folgendes: Wir durchdenken hochgradig parallel täglich tausende Möglichkeiten, was alles passieren kann. Hauptmotivator sind dabei eigentlich Grundängste im Leben, wie z.B. Angst vor Tod, Verletzung, Verlust einer Person, Streit.

Hierzu siehe auch das Buch: „Grundformen der Angst, Riemann” oder http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/EMOTION/Riemann.shtml
Wenigen Menschen bewußt ist die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns, minütlich tausende von solchen Phantasiebildern (oder Filmchen) generieren (Kognition) und speichern zu können. Durch ein solches, visionäres Ereignis einmal angeregt, generiert unser Hirn nun in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten, zigtausende von unbewußten Visionen, Bildern, Handlungsabläufen, die zumeist Angstbilder darstellen.

Bewahrheiten sich nun diese tausenden von Visionen nicht, vergessen wir sie, aber tritt eine einzige, solche Vision jedoch tatsächlich ein, dann erst dringt dieses zuvor im Unterbewußtsein gedachte Ereignis in unser Bewußtsein, und schon haben wir wieder die Bestätigung, daß wir hellsehen können. Und das wird natürlich prompt im Langzeitgedächnis abgelegt. Selektive Wahrnehmung der Ereignisse, ein Mechanismus, den wir gerne auch bewußt verwenden, um unangenehme Dinge zu verdrängen.

Und von nun an haben wir immer häufiger die Bestätigung, daß wir hellsehen” könnten, und - davon motiviert - entwickeln wir eine unglaubliche Phantasie. Mensch fängt an, seine überflüssigen Hirnkapazitäten, die wir nun einmal haben, den Denktrieb, der uns von den Tieren ja unterscheidet, für die Entwicklung von Visionen zu verwenden. Millionen Bilder werden abgelegt, großenteils vergessen, aber die Zahl von Bildern, die sich dann tatsächlich „bewahrheiten”, steigt immens an, weil - wenn viele solcher Vorstellungen über zukünftige Ereignisse im Hirn existieren, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit ein solches sich ja auch „bewahrheiten”.

Und schon glauben wir, daß wir wirklich hellsehen, wahrsagen können, und es wird uns auch immer bewußter, daß wir solche Fähigkeiten (vermeintlich) haben. Ich habe viele solcher Personen getroffen, die von sich meinen, solche Fähigkeiten zu haben. Keine einzige hat wirklich irgendeinen Test, der beweisen könnte, daß sie wirklich hellsehen kann, bestanden, oder auch nur annähernd bei den Lottozahlen richtig gelegen. (Die Lottogesellschaften wären sofort Pleite, wenn es nur einen Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten geben würde, der gerade mal wieder Geld braucht – was dem entgegensteht, daß millionen Menschen glauben”, daß sie hellsehen könnten!)
Aus Unverständnis der Funktionsweise des Gehirns heraus, und aus der bei Frauen verstärkten Neigung, die auch zu kommunizieren (=sich bewußt machen), glauben erheblich mehr Frauen daran, daß sie solche Vorahnungen haben, als Männer, deren Tendenz, Gedanken und Gefühle zu unterdrücken und in Bier zu ertränken, doch etwas ausgeprägter ist. Männer glauben viel weniger an ihre hellseherischen Fähigkeiten, als Frauen.
Aberglaube jeder Art, jede Art von Mystik, Glaube an Übersinnliches, Glaube an Hellseherei, Glaube an Schicksal, Glaube an Astrologie, Horoskope, Glaube an Vorbestimmtheit des Lebens, und letztenendes auch der Glaube an Gott hat seinen Ursprung in der Funktionsweise des menschlichen Gehirns, die ich beschrieb.
Nicht wenige Menschen fangen aufgrund diesen von sich geglaubten Fähigkeiten an, Esoterik- (Para-/Meta-/Astro-/...) Bücher zu lesen, irgendwo eine Erklärung, eine Bestätigung für diese Phänomene zu finden, und sich mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, auszutauschen. Man könnte es auch als kollektive Wahrnehmungsstörung” bezeichnen. Dieser Markt an Esoterikbüchern hat inzwischen gigantische Dimensionen erreicht, in Buchhandlungen werden ganze Bereiche der esoterischen Literatur gewidmet, ein Boom.

Allen „Gläubigen” gemeinsam ist, daß sie einer - mehr oder weniger großen - Illusion aufgesessen sind. Kaum jemand hat jedoch verstanden, warum er/sie an solche Phänomene glaubt, wie sie zustande kommen. Die gegenseitige, intersubjektive Bestätigung der angeblichen Existenz von Vorahnungen, Visionen, „außersinnliche Wahrnehmung” erhärtet den Glaube an Übersinnliches, Schicksal, Gott. Und wer einmal zurückblickt, in seinem Leben, der wird sicher den Ursprung finden, an welchem er angefangen hat, zu glauben, daß da mehr sei zwischen Himmel und Erde, als wir verstehen können”. Und nun wissen wir, warum. Zumindest, was dieses Phänomen begrifft.
Immanuel Kant hat einmal gesagt: „Bevor Du dich auf ein Gedankengebäude einläßt, prüfe, ob das Fundament sicher und stimmig ist!” Ist man erst einmal dem Glauben verfallen, so ist ein Zurück kaum mehr möglich, weil man dann in der Folge seine Erfahrungen an diesem Gedankengebäude misst, und dem obigen Phänomen gleich, beginnt, nach Bestätigungen für seine Visionen, Ideen, Ahnungen, Phantasien zu suchen.

Religionen bzw. Glaubensgebäude werden „konstruiert” von Menschen, die diese Mechanismen durchschaut haben. Man beachte, daß die Entdeckung, daß es viele, wahre Aussagen in der Bibel gibt, die die psychologischen Eigenschaften von uns Menschen treffend beschreiben, eine Sache ist, jedoch daß es eine einzige Ursache dafür gibt, nämlich Gott – dies ist eine Erfindung. Die Entdeckung einer oder mehrerer wahren Aussagen” in einem Text oder Gedankengebäude ist eine Erkenntnis – die Erklärungen dafür, die dort angegeben werden - oft nur eine Erfindung.
Man betrachte die unzähligen Varianten des Glaubens in Asien (...Buddhismus), die verschiedenen extremen Varianten des „christlichen Glaubens” hier, oder anderen Glaubens sonstwo. Allen gemeinsam ist, daß Menschen, die verunsichert sind - was jeder von uns schon mal ist - mit scheinbaren Bestätigungen für die Existenz, „Wahrhaftigkeit” von etwas, gelockt werden, verführt werden, zum Glauben. Kritische, dialektische Hinterfragung findet nicht statt. Verunsicherte Menschen stecken meist in einer Lebenskrise, die andere gnadenlos ausnutzen, Mitmenschen glaubend zu machen. Zunächst liebevoll in einer Gemeinde aufgenommen, dann aber, wenn der Glaube nicht angenommen wird, hart sanktioniert, und man ist wieder isoliert. Die meisten Menschen geben dann in ihrer Verunsicherung nach, und fangen an, zu glauben. Freier Glaube, den mag es auch geben, leider immer weniger.

Glaube findet sich auch bei unternehmerischen Entscheidungen. Der Anteil dessen, was „optimistischerweise” gerne angenommen wird, um z.B. eine Marketingstrategie (hier ist es besonders willkürlich) zu „begründen”, grenzt manchmal schon sehr an Glaube. Hierzu sei die Lektüre von Gerald Zaltmann „HOW CUSTOMERS THINK” empfohlen. Glaube an Reichtum ist auch Hauptmotivator für diese neuen Network-Marketing Produkte, wie z.B. ALOE. Inzwischen kann man es bei LIDL, sogar in Joghurt enthalten, kaufen, und direkt daneben stehen dann ALOE Pflanzen, diese, die auch in Arizona wachsen.
“Wir geben den Dingen ihre Bedeutung!” - zeitlich rückwärts, also gedankich in die Vergangenheit versetzt - nach vorne schauend - geben wir uns der Illusion ihn, wir könnten tatsächlich nach „vorne” schauen. Tatsache ist, nur dann, wenn wir in einer Welt leben, die stabile Regelwerke hat, können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, was wir morgen tun werden, tatsächlich aber kann niemand in die Zukunft schauen. Vernunft – ist Handeln oder Denken basierend auf Erfahrungen, also Regelwerken, die in der Vergangenheit sich als richtig oder erfolgreich erwiesen haben. In einer Zeit des Umbruches, wo sich Regelwerke der Systeme (Gesellschaft, Arbeitsmarkt, Ein/Verkauf, Informationsbeschaffung über Internet) geändert haben, ist es immer schwieriger, einzuschätzen, welche Regelwerke überholt sind, welche noch gültig....


Gerhard Roth hat in seinem Buch eindrucksvoll, sachlich und leicht verständlich die Funktionsweise des Gehirns beschrieben, welches ich für sehr lesenswert halte.

Wer mag, kann sich auch von den hellseherischen Fähigkeiten des Computers überzeugen lassen:

http://www.little-idiot.de/hellseher/ oder /gottexistiert/ oder /memetik/ oder /astrologie/ ...
(Nur Browser IE 6, Konquerer, Safari oder Opera mit aktiviertem Javascript verwenden, Netscape/Mozilla funktioniert noch nicht)

Mit freundlichen Grüßen, Guido Stepken

Dieser Artikel unterliegt der GPL (GNU Public License), darf also unverändert so überall in jeglicher Form weiter verbreitet werden.

Quelle: http://www.little-idiot.de/hellseher/hellsehen.pdf oder /hellsehen.html