3. Der Mannschaftsgeist

Aus: Ryle, Der Begriff des Geistes. übers. von: Kurt Baier, 1. Aufl., Stuttgart: 1987, Reclam, S. 15: "Ein Südseeinsulaner sieht seinem ersten Fußballspiel zu. Man erklärt ihm die Funktion des Torwarts, der Stürmer, der Verteidiger, des Schiedsrichters usw. Nach einer Weile sagt er: "Aber da ist doch niemand, der den berühmten Mannschaftsgeist beisteuert. Ich sehe wer angreift, wer verteidigt, wer die Verbindung herstellt usw.: aber wessen Rolle ist es, den Mannschaftsgeist zu liefern?".

Das Wort "Mannschaftsgeist" ist eigentlich ein typischer Kategorienfehler, sprich falsche Verwendung des Wortes "Geist" in diesem Zusammenhang (man achte auf die sprachlichen Kategorienfehler in der Psycho / Eso / Para / Meta/ -Szene, wo die Leute glauben, daß die wilde Vermischung von Worten, die kategorienmäßig nicht zusammengehören, bereits eine neue Erkenntnis darstellen, und bewußtseinserweiternd wären, tatsächlich erfolgt nur Endorphinausschüttung, Glückshormone). Maskottchen, Firmen - Logos sind Symbole des Mannschaftsgeistes, des Zusammenspiels eines Teams. Hierbei vermischen sich psychologische Eigenschaften, Verhaltenslogiken des Systems "Mensch", mit den Logiken des Fußballs, also einem weiteren Regelwerk, auch Axiomensystem genannt. Aus dieser Wechselwirkung entstehen beobachtbare, weitere Regelwerke, wie z.B. Mann/Raumdeckung, Abseitsfalle, u.s.w. Es sind Regelwerke 2. Ordnung, die aus dem dynamischen Zusammenspiel schwach gekoppelter Regelwerke 1. Ordnung von Systemen entstehen. Z.B. ist die Bewegung eines Pendels einfach kalkulierbar, jedoch diejenige eines Doppelpendels bereits chaotisch. "Implizite Logiken" bezeichnen diejenigen Regelwerke, die nicht definiert wurden, und scheinbar aus dem Nichts zu entstehen scheinen. Beispiele: Wo steht geschrieben, daß erst alle aus der Straßenbahn aussteigen müssen, bevor man selber einsteigt? Manndeckung / Raumdeckung / Abseitsfalle im Fußball? Jede Art Strategie ist ein Regelwerk 2. Ordnung, weil es die Art der dynamischen Wechselwirkungen beschreibt. Ein Pendel ist physikalisch einfach zu beschreiben. Ein Doppelpendel jedoch zeigt völlig chaotisches, unkalkulierbares Verhalten, typisch für stark gekoppelte Systeme. Auch bei Menschen ist dies zu beobachten - bei Streit, Streß gehen sich Menschen aus dem Weg - Entkopplung findet statt, bevor eine Situation chaotisch eskaliert, sich die Dinge aufschaukeln, ähnlich einer Resonanzkatastrophe, die sich z.B. bei einer schwingenden Schaufensterscheibe anbahnt, und bis zur Explosion führt (man kann diese mit viel Gefühl und Übung mit einem kleinen Finger zum Bersten bringen).

Andererseits symbolisiert ist Mannschaftsgeist den Willen zum gemeinsamen Sieg, oft dargestellt durch Firmenlogos, Maskottchen, Flaggen, Fahnen, Abzeichen, u.s.w. Wie die Dynamiken zwischen uns Menschen ablaufen, was z.B. Kognition, Autopoiese ist, zeigen die überaus interessanten Bücher der Kybernetiker Heinz von Förster, ,"Sicht und Einsicht", "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", "Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen" und Maturana "Baum der Erkenntnis". Sie beschreiben die Wechselwirkungen (schwach) gekoppelter Systeme und deren Dynamiken, die sich daraus ergeben. Siehe auch Little-Idiot Teambuilding.

Wie blockiert wir Menschen sind, wenn es um die Lösung einfachster Probleme geht, zeigt dieses Rätsel:

Zwerge im Wald stehen früh auf, greifen im Dunkeln beim Verlassen ihrer Höhle blind eine Mütze (rot oder grün), die sie den ganzen Tag aufhaben, ohne zu wissen, welche Farbe diese hat. Zwerge arbeiten harmonisch den ganzen Tag, ohne zu kommunizieren, jeder hat seine genau definierten Aufgaben. Nun kommt ein Zwerg daher, vermittelt, daß diese sich auf einer Linie aufstellen sollen, sortiert nach roten und grünen Mützen. Ohne daß die Zwerge kommunizieren und ohne daß jemand diese einteilt, stellen sie sich in einer Linie auf, perfekt sortiert nach roten und grünen Mützen. Wie machen sie das? Welche impliziten Logiken stecken dahinter, welche sind 1. Ordnung, welche 2. Ordnung (die sich erst aus der Dynamik des Zusammenspiels ergeben). Die Lösung ist nicht einfach - siehe Abschnitt 15. Wie sieht die Lösung mit 3 verschiedenen Mützenfarben aus?

Ein weiteres Rätsel verbirgt sich hinter dem HTTPS - Protokoll, welches einen angeblich sicheren Krypto-Tunnel z.B. zur Bank aufbaut. Wie kann das, wo doch keinerlei Passworte ausgetauscht werden. Normalerweise benötigen ja sowohl Sender, als auch Empfänger zumindest ein gemeinsames Passwort, welches Dritten unbekannt ist, ein sog. "shared secret" also, welches über andere Wege mitgeteilt werden muß, oder zuvor mündlich vereinbart wird. Wie kann man Informationen austauschen, ohne daß ein "Man in the middle" mitlauschen kann, und ohne daß dieser die Passworte abhören kann? Das Rätsel ist einfach zu lösen, wenn man sich folgendes Beispiel anschaut: A und B möchten geheim Briefe austauschen, die niemand mitlesen kann. Hierzu verwenden sie eine solide Truhe, an welcher zwei Vorhängeschlösser angebracht sind. A tut nun eine Nachricht in die Truhe schließt mit seinem Schloß ab, behält aber den Schlüssel für sich. Er sendet die Kiste nun B, mit der Bitte, die Truhe mit einem zweiten Vorhängeschloß zu verschließen, ebenfalls den Schlüssel zu behalten, und die Truhe wieder zurückzusenden. A entfernt nun sein Schloß von der Truhe, und sendet diese wieder an B. Dieser kann nun mit seinem Schlüssel die Truhe öffnen, und die Nachricht von A lesen. Zu keiner Zeit war also die Truhe unverschlossen unterwegs, und zu keiner Zeit mußte irgendein Schlüssel übermittelt werden.

Dieses geniale Verfahren gehört zur Gattung der "Zero Knowledge Probleme", und wurde von Whitfield Diffie und Martin Hellmann, siehe US Patent # 4,218,582 (http://www.uspto.gov), 1980 als "Public Key Cryptographic Apparatus and Method" bekannt, oder auch unter "Diffie-Hellmann key exchange". Es ist Basis der SSLv2 Verschlüsselung in Browsern. Und nun die Frage: Wie kann es überlistet werden? Die Lösung ist recht einfach...

Ein weiteres, interessantes Phänomen ist ein Buffet. Man stelle sich vor, ein Buffet wurde gerade vom Gastgeber eröffnet, und schon bildet sich eine lange Schlange, obwohl - wenn alle parallel an das Buffet gehen würden, die Plätze schnell tauschten, alle viel schneller zu ihrem Essen kommen würden. Welche implizite Logiken hindern Menschen daran, dies so zu tun? Welchen persönlichen Vorteil hat Mensch davon, sich trotzdem in der Schlange anzustellen? Oder sind wir alle nur nicht in Problemlösungsstrategien ausreichend geschult worden?